Wichtige Störungsbilder der klinischen Neuropsychologie

Was versteht man unter wichtige Störungsbilder der klinischen Neuropsychologie?

 

"Neglect" (= Vernachlässigung)

 

Für dieses syndromartige Störungsbild typisch sind Störungen der Verarbeitungskapazität und der selektiven Informationsverarbeitung, die Störung tritt meist bei rechts-parietalen Hirnläsionen auf.

Typische Symptome sind:

  • Halbseitige Vernachlässigung (v.a. visuell, akustisch und taktil)
  • Extinktion (sensorische Vernachlässigung bei beidseitiger Reizung)
  • Hemiakinese (einseitige Vernachlässigung der Extremitäten)
  • Allesthesie (falsche lokalisatorische Zuordnung von Reizen)
  • Vernachlässigung einer Raumhälfte (einseitige Raumoperationen)
  • Anosognosie (keine Krankheitseinsicht)

 

Wahrnehmungsstörungen

 

Da nahezu das gesamte Gehirn an Wahrnehmungsprozessen beteiligt ist bzw. mit bestimmten Aspekten von Wahrnehmung befasst ist, sind Wahrnehmungsstörungen bei nahezu allen neuropsychologischen Patienten vorzufinden. Klassifikationsmöglichkeiten orientieren sich im allgemeinen an der Differenzierung modalitätsspezifischer Störungsbilder und an der Unterscheidung fundamentaler und höherer Funktionen.

Nachfolgend sollen einige häufig untersuchte Formen von Wahrnehmungsstörungen näher dargestellt werden:

Visuelle Wahrnehmungsstörungen:

  • Selektive Beeinträchtigungen können bei der Verarbeitung fundamentaler Eigenschaften wie Farbe, Kontrast, Bewegung, Sehschärfe, Dichte / räumliche Frequenz, Augenbewegungen oder Gesichtsfeld auftreten.Ferner können Störungen der Verarbeitung komplexerer Eigenschaften wie Form, Gesichter, Raum (Entfernung, Größenkonstanz, Geschwindigkeit, Richtung / Orientierung), innere Rotation, visuell-räumliche Leistungen (Operationen im Greifraum wie z.B. Zeichnen, Türme bauen usw.) vorliegen.

Auditorische Wahrnehmungsstörungen:

  • Selektive Beeinträchtigungen können bei der Verarbeitung fundamentaler Eigenschaften wie Tonhöhe, Simultanität, zeitliche Reihenfolge (wichtig u.a. für die Analyse von Bewegungen, von Richtung und Geschwindigkeit der Person / ihrer Umgebung) auftreten.Störungen der Verarbeitung komplexerer Eigenschaften wie Rezeption / Expression von Geräuschen (Naturgeräusche, sinnvolle / sinnlose Geräusche, Sprache, Musik) sind bei Hirnfunktionsstörungen ebenfalls häufig vorzufinden.

Halluzinationen und andere Denkstörungen:

  • Bei Temporallappenepileptikern kommt es im Rahmen der Anfälle oftmals zu auditorischen, olfaktorischen oder visuellen Halluzinationen, zu Depersonalisationserlebnissen (die Patienten betrachten sich scheinbar von außen) und zu Derealisationserlebnissen (deja-vu, jamais-vu).

Apraxien:

  • Apraxien sind Störungen der Bewegungsprogrammierung im Zusammenhang mit Hirnfunktionsstörungen. Einzelne Bewegungen können zwar vollzogen werden, die Steuerung ist jedoch beeinträchtigt. Dabei können Störungen bei Aufforderung von Störungen bei Intention unterschieden werden.Apraktische Störungen treten meist auf, wenn mehrere Bewegungen eine Bewegungsfolge bilden sollen (z. B. alltägliche Handlungsfolgen wie Essen, Ankleiden, Kaffeekochen).

Aphasien:

  • Aphasische Störungen sind bei neuropsychologischen Patienten sehr häufig anzutreffen. Meist treten sie infolge von Störungen der Blutversorgung durch die linke, mittlere Hirnarterie auf. Dabei können mögliche selektive Beeinträchtigungen verschieden klassifiziert werden:Es können Lesestörungen / Alexien, Schreibstörungen / Agraphien, oder Störungen in der Verarbeitung gesprochener oder tastbarer Informationen auftreten.
  • Es können Sprachverständnis- oder Sprachproduktionsstörungen vorherrschen. Die Verständnis- und Produktionsstörungen können auf bestimmte Aspekte beschränkt sein bzw. ein bestimmtes Ausmaß haben, sodass z. B. Silben vertauscht werden ("Wortsalat"), völlig neue Worte gebildet werden ("Neologismen"), semantische Verwechslungen festzustellen sind (rot-grün, Tisch-Stuhl) oder speziell grammatikalische Fehler gemacht werden (z. B. Telegrammstil).
  • Aufgrund bestimmter häufiger Symptomkonstellationen werden nach dem sog. Bostoner Klassifikationsschema folgende aphasische Syndrome unterschieden: Brocaaphasie, Wernickeaphasie, Leitungsaphasie, Anomische Aphasie, transkortikal motorische Aphasie, transkortikal sensorische Aphasie, Alexie / Dyslexie und die Agraphie.

Amusien:

  • Amusien sind Störungen der Wahrnehmung, dem Gedächtnis für und dem Genus von Musik und in der Ausführung derselben infolge einer kortikalen Schädigung. Dabei werden im allgemeinen Störungen der Verarbeitung von Rhythmen von Störungen der Verarbeitung von Melodien unterschieden. Die Relevanz der Amusien ist nicht zuletzt durch die hohe Häufigkeit der Störung bei neuropsychologischen Patienten und die zahlreichen Wechselwirkungen zwischen Mechanismen für die Verarbeitung von Sprache und Musik gegeben. Überschneidungen sind besonders in der Verarbeitung von Metrik, Sprachmelodie und Klangfarbe der Stimme zu sehen. Darüber hinaus ist zu beachten, dass bei einigen aphasischen Patienten die Fähigkeit zur Verarbeitung dieser kommunikativ bedeutsamen Aspekte intakt ist, was von großer therapeutischer Bedeutung ist.

Amnesien:

Amnesien treten meist im Zusammenhang mit Schädel-Hirn-Traumata auf, welche oftmals infolge von Verkehrsunfällen zu beobachten sind. Hier kommt es typischerweise zu anterograden und retrograden Amnesien, die sich folgendermaßen darstellen:

  • Anterograde Amnesien bezeichnen den Verlust von Erinnerungen an Geschehnisse nach einem bestimmten kritischen Ereignis (z.B. Schädel-Hirn-Trauma); der Begriff "anterograde Amnesie" wird auch im Zusammenhang mit Lernstörungen gebraucht.
  • Retrograde Amnesien bezeichnen den Verlust von Erinnerungen an Geschehnisse vor einem bestimmten kritischen Ereignis; retrograde Amnesien werden zusätzlich danach unterteilt, ob nur unmittelbar vor dem kritischen Ereignis liegende Geschehnisse schlecht, weiter zurückliegende Geschehnisse dagegen gut erinnert werden können (retrograde Amnesie mit zeitlichem Gradienten), oder ob alle Geschehnisse vor einem kritischen Ereignis in gleicher Weise betroffen sind (retrograde Amnesie ohne zeitlichen Gradienten).
  • Amnestische Störungen sind bei verschiedenen neuropsychologischen Patientengruppen in unterschiedlicher Art und Ausprägung vorzufinden: Bei Korsakoffpatienten sind beispielsweise im postakuten Stadium der Krankheit sowohl Lernstörungen festzustellen, als auch retrograde amnestische Beeinträchtigungen mit zeitlichem Gradienten, wohingegen Patienten, die an einer Huntington-Demenz leiden, im Spätstadium der Krankheit vor allem retrograde amnestische Beeinträchtigungen ohne zeitlichen Gradienten im Vordergrund stehen.

    Demenzen:

  • Demenzen werden von Joynt und Shoulson als "unngewöhnlicher Verlust intellektueller Fähigkeiten" definiert, wobei dieser Verlust oftmals degenerativ und irreversibel ist. Tritt eine Demenz vor dem vollendeten 65. Lebensjahr auf, so spricht man von einer "präsenilen Demenz". Von allen Diagnosen einer Demenz entfällt
    • die Hälfte auf die Alzheimerdemenz,
    • 15 % auf die Multiinfarkt-Demenz (Volksmund: "Verkalkung"),
    • 25 % auf Mischformen infolge verschiedenster pathologischer Entwicklungen
    • und 10 % auf die Diagnose "Pseudodemenz", welche den Umstand bezeichnet, dass meist durch das Vorherrschen einer depressiven Symptomatik in gesteigertem Alter fälschlicherweise vom Vorliegen einer dementiellen Erkrankung ausgegangen wird.
  • Klassifikationsschemata orientieren sich im allgemeinen an einer Unterteilung der Demenzen in

    • lokalisierbare Demenzen, bei denen die Beeinträchtigungen auf physiologische Dysfunktionen in umschriebenen Hirnarealen (kortikal, frontal-subkortikal, axial) zurückzuführen sind,
    • und gemischte Demenzen, bei denen kein einheitliches Störungsbild ausgemacht werden kann oder die Störungen nicht auf Dysfunktionen in umschriebenen Hirnarealen zurückgeführt werden können.

Wichtige Störungsbilder der klinischen Neuropsychologie

Stefan Marmann

Diplom-Psychologe
Psychologischer Psychotherapeut
Privat und alle Kassen

Meine Anschrift

Breidenplatz 3-5
40627 Düsseldorf
Telefon: 0211 - 20 41 11
Email: praxis@stefan-marmann.de


Mitglied bei der
Psychotherapeutenkammer NRW

Psychotherapeutenkammer NRW


Mitglied der
Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein

Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein