Praxis für Psychotherapie


Suizid und Suizidtendenzen

In vielen Religionen und Kulturen wird "sui cedere" (= sich töten) als eine Todsünde betrachtet. Bis 1961 war Selbsttötung in England ein krimineller Akt. Aber, die meisten Leute kennen dann und wann das Gefühl nicht mehr leben zu wollen. Nicht nur depressive Menschen kennen den Wunsch oder begehen Suizid. Es ist damit wichtig Suizid und Suizidtendenzen in einem weiteren Kontext zu betrachten und zu verstehen.

Kein einzige Theorie ist im Stande alle Informationen über Suizid mit im Betracht zu ziehen. Die diversen Fakten die bis jetzt bekannt sind, zeigen wie komplex und wie viele "Gesichter" der Suizid und der Suizidversuch hat:

  • Jede 30 min. findet in den USA einen Suizid statt, wahrscheinlich ist die Dunkelziffer wesentlich größer.
  • Männer begehen drei mal so oft Suizid als Frauen.
  • Frauen begehen drei mal öfter als Männer einen Suizidversuch.
  • Suizid kommt sowohl bei Älteren (über 90 Jahren), als auch bei sehr jungen Menschen (unter 10 Jahren) vor.
  • Suizid verteilt sich fast gleichmäßig über alle soziale- und ökonomische Klassen.
  • Keine andere Todesursache hinterlässt bei den Hinterbliebenen ein so andauerndes Gefühl der Trauer, Schande, Schuld, Verzweiflung und Ratlosigkeit.
  • Männer benutzen in den USA öfter Waffen zur Selbsttötung. Frauen greifen eher nach Schlaftabletten. In der Rest der Welt variieren die gewählte Methoden, z.B. in England wird Gas, in Österreich das Aufhängen, und in den Skandinavischen Länder häufiger der Tod durch Vergiftung gesucht.
  • Die WHO (1972) hat festgestellt, dass Suizid am häufigsten in Ungarn, Tschechoslowakei, Finnland und Österreich vorkam. Am niedrigsten in Griechenland und Irland.
  • Die Suizidrate steigt in Zeiten wirtschaftlicher Rezession, ist gleichbleibend bei wirtschaftlichem Wohlstand und nimmt ab während des Krieges.
  • Suizid aus psychosozialer Perspektive

    Durkheim kommt nach der Untersuchung von Daten über Suizid in verschiedene Länder über mehrere historische Perioden zu Einteilung von drei selbstzerstörerischen Verhaltensweisen.

    1. Egoistischer Suizid liegt vor, wenn eine Person keine Verbundenheit mit seinem sozialen Umfeld empfindet. Diese Personen fühlen sich entfremdet von ihren Mitmenschen und und verlieren deshalb ihren sozialen Bezug.
    2. Altruistischer Suizid, wird durch Durkheim gesehen als Antwort auf eine Erwartungshaltung der Gesellschaft. Hier wird Suizid begangen um sich für die Gesellschaft, eine Idee oder einen anderen Menschen zu opfern.
    3. Anomalischer Suizid kann hervorgerufen werden durch eine plötzliche Veränderung in der Beziehung von einer Person zu der Gesellschaft. Zum Beispiel, wenn ein reicher Geschäftsmann nach einer Pleite nicht vorstellen kann, in Armut weiter zu leben.

    Durkheims Modell vermag nicht zu erklären vermag ist, warum die gleichen Anforderungen und Umstände zu unterschiedlichen Reaktionen führen. Nicht jeder der plötzlich all sein Geld verliert, begeht Suizid.

    Suizidvorhersage auf Grund von Persönlichkeitstests

    Sowohl theoretisch als auch praktisch wäre es von großen Wert auf Grund von Persönlichkeitstests einen Suizid vorher zu sagen. Theoretisch, um zu wissen welche Charakteristika ein potentielle Selbstmörder hat, praktisch könnte man ein Selbstmörder frühzeitig erkennen und somit den Suizid häufiger verhindern können.

    Solche Fragebögen, wie beispielsweise der "Fragebogen zu Beurteilung der Suizidgefahr" (FBS) von Stork, liegen seit den siebziger Jahren vor. Verschiedene Untersuchungen lasen Zweifel an der Validität dieser Vorgehensweise aufkommen.

    Es kann vermutet werden, dass ein tatsächlich Suizidgefährdeter Patient, keine Informationen preisgeben möchte, die darauf hindeuten, dass er sich töten will. Entsprechend vorsichtig wird er sich verhalten. Um diejenigen Patienten vorherzusagen, die den Suizid vortäuschen, um auf ihr Leid und ihre Hilflosigkeit aufmerksam zu machen, ist ein standardisierter Test überflüssig.

    Suizid - Vorhersage auf Grund demographischer Merkmale.

    Eine bessere Vorhersage für einen Suizid bietet persönliche Merkmale eine Person so wie Alter, Mann/Frau, verheiratet/unverheiratet etc..

    Shneidman, Farberow und Litman 1970, z. B. haben herausgefunden, dass einen Mann im mittleren Alter, geschieden, alleine lebend und der mehrere Suizidversuche hinter sich hat, am meisten gefährdet ist.

    Abschließend sollen noch einige Mythen über Suizid und deren Ursachen reflektiert werden:

    1. Diejenigen, die über Suizid sprechen, begehen keinen Suizid. Fakt ist aber, dass 3/4 der Selbstmörder vorher über ihre Tat gesprochen haben.
    2. Suizid kommt immer unerwartet. Aus dem vorherigen Satz dürfte schon klar sein, dass das nicht stimmt. Da gibt es meistens Warnsignale, Aussprüche wie z.B. "die Welt wäre besser dran ohne mich".
    3. Mitgliedschaft in einer Kirche hilft vorherzusagen ob jemanden zum Selbstmörder werden kann oder nicht. Diese Annahme findet empirisch nirgendwo eine Bestätigung.
    4. Nur Personen aus einer bestimmte soziale Klasse begehen Suizid. Es ist nicht das Los der Armen oder die Krankheit der Reichen!
    5. Selbstmörder sind Depressiv. Richtig ist, dass eine Mehrheit der Depressiven über Suizid nachdenkt.
    6. Jemand, der kurz vor seinem Tod steht, begeht keinen Suizid. Die Erkenntnis des bevorstehenden Todes schließt Suizid nicht aus. Der Suizid kann hier dem Wunsch nach Selbstbestimmung dienen oder um das eigene Leid oder das der Angehörigen zu beenden.
    7. Suizid ist eine Geisteskrankheit. Obwohl die meiste Suizidgefährdeten unglücklich sind, erscheint Bezug zur Realität intakt.
    8. Suizid wird hervorgerufen durch Jahreszeiten, Wetterfronten, Feuchtigkeit, uns. Diese Mythen können nicht mit Fakten belegt werden.
    9. Suizid wird hervorgerufen durch kosmische Faktoren, z.B. Mondphasen. Auch hier für gibt es keinen Beweis.